Die 12 Rauhnächte – Kinder- und Jugendbücher zwischen den Jahren

Die Tage zwischen Weihnachten, dem Jahreswechsel und bis zum Dreikönigstag am 6. Januar sind seit Jahrhunderten besondere Tage im Bewusstsein der Menschen. Im Mittelalter glaubte man, dass Tiere in dieser besonders mystischen Zeit sprechen könnten. Daher wurden die Ställe mit Weihrauch beräuchert, um Unheil und bösen Zauber abzuwenden und die Tiere besonders gepflegt. Auch Speisen für gute oder böse Geister wurden bereitgestellt.

Im europäischen Volksglauben findet man zudem die Vorstellung, dass in diesen Tagen das Tor zur Dämonen- und Geisterwelt offen steht und wilde Gesellen zur Jagd aufbrechen. Wehe dem Hausmädchen, das in dieser Zeit noch weiße Laken auf der Wäscheleine hat. Diese können sich im Treiben der wilden Jagd schnell zum Totentuch wandeln. Auch spielen Wahrsagerei und Deutung von Zeichen und Träumen in dieser Zeit eine wichtige Rolle. So haben die Menschen von jeder Rauhnacht Rückschlüsse auf das Wetter eines künftigen Monats des kommenden Jahres gezogen.
Die folgenden Kinder- und Jugendbücher spielen an den Rauhtagen und bilden in neuem Gewand teilweise die Vorstellungen der Rauhnächte ab. So handeln die folgenden Kinder- und Jugendbücher von sprechenden Tieren, mystischen Träumen, Zauberei, Dunkelheit und Magie.

 

„Krabat“ von Otfried Preußler (1971)
Lesealter: 12-14 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2008, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN978-3423252812
www.dtv.de
Der Betteljunge Krabat hat am 3. Januar einen merkwürdigen Traum: Er sieht 11 Raben auf einer Stange. Der 12. Platz ist frei. Und dann ruft eine heisere Stimme: „Krabat“- „Krabat“- „Krabat“- „Komm nach Schwarzkollm in die Mühle, es wird nicht zu deinem Schaden sein!“ (Otfried Preußler: Krabat, dtv, München, 2006, S.10). Und entgegen der Warnung eines Dorfbewohners, dass es in der Mühle am Koselbruch nicht geheuer ist, macht sich Krabat auf den Weg. In der Mühle tritt er als Lehrjunge in die Dienste des Müllers. Sobald er dem Meister seinen Handschlag gibt, erhebt „sich ein dumpfes Rumoren und Tosen im Haus.“ Die Mühle beginnt wieder ihr Mahlwerk. Gemeinsam mit 11 Müllerknappen dient Krabat dem Meister und er merkt gleich, dass mit dem einäugigen Müller etwas nicht stimmt. Krabats Fluchtversuche scheitern und der junge Müllerbursche hat das Gefühl, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht. Am Karfreitag nimmt der Meister Krabat auch als seinen Schüler auf. Er verwandelt die Müllerburschen in Raben und liest ihnen Abschnitte aus dem Koraktor, dem Höllenzwang, vor. Diese Zaubersprüche müssen die Schüler in Rabengestalt nun rezitieren. Nun ist sich Krabat gewiss- er ist in einer Schwarzen Schule gelandet. Krabat möchte seinem Gefängnis entfliehen, aber er weiß nicht, welchem Müllerburschen er vertrauen kann. Außerdem wird der Meister misstrauisch und das Leben Krabats und seiner Verbündeten ist in Gefahr. Richtig kompliziert wird es, als Krabat sich in ein junges Mädchen im Dorf verliebt. Aber wie im Märchen nimmt die Sage ein gutes Ende und ausgerechnet am Neujahrstag macht sich die junge Kantorka auf den Weg, um Krabat aus den Fängen des Meisters zu befreien.

 

In Preußlers Erzählung wird das Böse und Teuflische erfahrbar und in seinen weltlichen Machtstrukturen angedeutet. Im Buch lässt Preußler schwarz-magische Riten, Handlungen und christliche Bräuche und Zeichen der Liebe um Macht ringen.
Otfried Preußler sagte selbst über sein Buch „Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“

Krabat sieht sich der Frage gegenüber, was im Leben wirklich wichtig ist. Und er lernt, welchen Preis es hat, sich zu verkaufen. Das Mahlen von Knochen und Zähnen in der Mühle verdeutlicht das.
Dies sind menschliche Erfahrungen. So findet der Mensch sich schnell in Gefängnissen und Anhängigkeiten, die von Außen auf ihn einwirken oder ihn in seinem Innern zermahlen. Nur die fromme Kantorka schafft es letztendlich diesem Bollwerk der Angst und Unterdrückung mit ihrer Unerschrockenheit und Standfestigkeit Einhalt zu gebieten. Damit ist sie die eigentliche Heldin dieser märchenhaften Erzählung. Tiefenpsychologisch erzählt Krabats Geschichte somit von der persönlichen Identitätsfindung und der Menschwerdung allgemein.

 

Otfried Preußler hat die Figur des Krabats nicht erfunden, sondern eine sorbische Sage aus dem 18. Jahrhundert aufgearbeitet. Die Figur des Krabats gab es historisch. Der Sagenname bezeichnet Krabats Herkunft – nämlich Kroatien. Im Krieg unter August dem Starken ist Krabat zu Ehren gekommen und wird Lehnsherr des Guts Groß Särchen. Der geheimnisumwitterte Lehnsherr hat bis heute Spuren hinterlassen. So ringt er der sandigen Heide und dem Moor durch fortschrittlichen Landschaftsbau gutes Ackerland ab. Auch hebt er das Lehenswesen zu seinen Lebzeiten auf und verteilt die 40 Pachtländer unter den freien Bauern. Dies brachte ihm großen Respekt in der Bevölkerung ein und in Wittichenau, wo Krabat begraben ist, erinnert eine „Krabatsäule“ an Johann Schadowitz, wie Krabat mit Geburtsnamen hieß.
In einzelnen Punkten weicht Preußlers Fassung von den Originalsagen ab. Hier verläuft sich Krabat im Wald und gerät so zur Schwarzen Mühle. Auch ist es die Mutter, die Krabat aus den Fängen des Meisters befreit. Krabat entwendet den Koraktor und wird ein guter Zauberer, bis er sich im Kampf dem alten Meister stellen muss. Otfried Preußler hat mit seinem Werk eine Facette der Sagengestalt Krabat heraus- und neu aufgearbeitet. Das besondere ist dabei, dass man an Krabats Seite die Lehre in der Schwarzen Mühle durchläuft und emotional tief berührt wird.
Die Krabatsagen finden sich in folgenden Fassungen ebenfalls aufgearbeitet:
„Die schwarze Mühle“ von Jurij Brĕzan (1968)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©1992, Domowina Verlag, ISBN 978-3742009340
www.domowina-verlag.de

 

Hier werden Krabatslegenden verdichtet zusammengefasst. Der Schreibstil ist einfach und entspricht der volkstümlichen Erzählweise. Die Erzählungen von Krabat und seinem mehrfachen Ringen mit dem Meister, der sich oft als schwarzer Wolf zeigt, sind so vielfältig, dass man die Auseinandersetzungen im Detail kaum erfassen kann. Eine wichtige Rolle im Hintergrund kommt der Mutter Krabats zu, die immer wieder zur Hilfe kommt.

Die sprunghaften Wenden während der Erzählung und die Erzählperspektive lassen ein genussvolles Lesen wie bei Otfried Preußler nur ansatzweise zu. Dafür taucht man intensiver in die Zeit des 30jährigen Krieges ein, in der weltliches Geschehen und magisches Denken eng miteinander verwoben sind.
„Meister Krabat der gute sorbische Zauberer“ von Mĕrćin Nowak-Neumann (2013)
Lesealter: 10-12 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2013, Domowina Verlag, ISBN 978-3742002914
www.domowina-verlag.de
Die Krabatssage von Jurij Brĕzan wurde im vorliegenden Buch von Mĕrćin Nowak-Neumann vereinfacht nacherzählt und mit 16 kleinen Bildern und 6 farbigen Bildseiten illustriert. Die Nacherzählung wirkt politisch gefärbt, indem immer wieder die Unterdrückung der Bauern betont wird. Dabei transportieren die Sagen bereits ihre eigenen Appelle, so dass es dieser Einordnung meiner Meinung nicht bedarft hätte. Ansonsten vermittelt das Werk einen guten Überblick über das ganze Leben Krabats.
„Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch“ von Michael Ende/Regina Kehn (1989)
Lesealter: 10-12 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2007, Thienemann-Esslinger Verlag, ISBN978-3522179485
www.thienemann-esslinger.de
Am Silvesterabend um 5 Uhr ist es beim Geheimen Zauberrat Beelzebub Irrwitzer in seiner Villa Albtraum wie bei vielen Menschen kurz vorm Jahreswechsel: Das Feuer prasselt im Kamin, man bereitet letzte Dinge vor und die Wanduhr schlägt bei voller Stunde. Als der böse Zauberer Irrwitzer allerdings überraschend Besuch vom Höllischen Gerichtsvollzieher Maledictus Made bekommt, bricht bei ihm eifrige Geschäftigkeit aus. Herr Made macht dem Zauberrat deutlich, dass er im vergangen Jahr nicht genug Böses gezaubert und gehext hat. Damit ist er seinem Vertrag mit der Höllischen Exzellenz Beelzebub nicht nachgekommen und wird- wenn ihm keine Lösung einfällt- zu Neujahr gepfändet. Beelzebub Irrwitzer ist verzweifelt- genau so wie seine Tante Tyrannja Vamperl, die auf einen Silvesterbesuch vorbeischneit. Auch bei dieser hat der geheimnisvolle Gerichtsvollzieher eine Pfändung angekündigt.
Doch Tyrannja Vamperl hat eine Idee: mithilfe des sagenhaften Wunschpunsches, der nur in der Silvesternacht gebraut werden kann, ist es möglich alle bösen Taten doch noch nachzuholen! Gemeinsam machen sich Neffe und Tante ans Werk den Höllenpunsch zu brauen. Die Welt wäre Neujahr in Chaos und Elend versunken, wenn nicht ein Rabe und ein Kater, die als Spione des Hohen Rats der Tiere bei den Zaubererherrschaften, angeheuert haben, sich zusammmen tun und versuchen die beiden Bösewichte bei ihrem Plan aufzuhalten. Ganz alleine schaffen sie es aber nicht- der Heilige Silvester hilft ihnen mit einem kleinen Wunder.

 

Das Buch „Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunch“ wurde 1989 als letzter vollendeter Roman Michael Ende’s im Thienemann Verlag veröffentlicht. Er zeichnet sich neben der spannenden Geschichte vor allen Dingen durch den humorvollen Einblick in die Zaubererwelt aus. So findet sich der Leser in den verschiedenen Räumen der Villa Albtraum wieder und erhält nebenbei Informationen über das Leben und Schaffen des bösen Zauberrats Beelzebub Irrwitzer. Die vielen Details machen beim Lesen einfach Freude und zeichnen ein magische Parallelwelt. Da die Bösewichte allerdings voraussehbar agieren und zutiefst menschliche Züge tragen, sind die Hauptfiguren nicht beängstigend. Besonders gut gefallen mir die vielen gereimten Lieder, Gedichte, Rezeptanweisungen und Zauberformeln, die in die Handlung eingestreut sind und dieser Würze geben.
Die Erzählung hat aber nicht nur einen Unterhaltungswert. Michael Ende spricht mit seinem Buch auch die großen Probleme unserer Zeit an: Umweltverschmutzung , Artensterben, Krieg, Krankheiten, Seuchen, Profitgier und Ausbeutung.
Als der Laborzauberer und die Geldhexe am Buchende nach Rezeptangabe das Gegenteil des Gewünschten formulieren müssen, steigt vorm inneren Auge das Bild einer heilen Welt auf. Außerdem fragt man sich, welchen Anteil man selbst an der Zerstörung der Welt trägt. Gar nicht verwunderlich erscheint daher, dass die eigentlichen Helden des Buches zwei Außenseiter sind. Gemeinsam zeigen der Rabe Jakob Krakel und Kater Moritz, dass mit ein bisschen Unterstützung „von Oben“ auch den fiesesten Schurken das Handwerk gelegt werden kann.

Als kongenial müssen die Illustrationen von Regina Kehn bezeichnet werden, die die vielen kleinen Details der Figuren und Erzählung erfrischend umsetzt. Das Buch wird somit wirklich zum Kunstwerk! Ein weiteres schönes Detail ist, dass es keine Kapitelüberschriften gibt, sondern eine Uhr, die die fortschreitenden Stunden und Minuten bis Silvester anzeigt. Dieses Stilmittel lässt einen unmittelbar die Geschichte miterleben und baut zusätzlich Spannung auf. Ein schönes Buch, das genau in die Silvesterzeit passt!

 

„Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht…“ von Jo Nesbø/Per Dybrig (2011)
Lesealter: 8-10 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2011, Arena Verlag, ISBN 978-3401063393
www.arena-verlag.de

 

Als Erster fällt Lise im Geschichtsunterricht auf, dass etwas nicht stimmt: im Wort Welltkrieg an der Tafel ist ein Buchstabe zu viel. Auf dem Musikkapellenbanner fehlt dafür ein L. Außerdem verschwinden immer mehr Socken. Äußerst mysteriös… „ ‚Das klingt, als wäre das Ende der Welt nicht mehr fern‘, entgegnete der Erfinder Doktor Proktor trocken“ als Bulle und Lise ihm von ihren Beobachtungen berichten (Jo Nesbø: Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht…“, Arena Verlag, Würzburg,2011, S.29). Doktor Proktor kombiniert scharf und deckt gemeinsam mit den Kindern eine Verschwörung auf, die von Norwegen aus die Weltherrschaft an sich reißen möchte. Mithilfe der beliebten Fernsehserie „Kon-Chor-renz“ des charismatischen Hallvard Tenoresen wird das Norwegische Volk hypnotisiert. Betroffene Personen erkennt man an einem Sprachfehler. Dahinter steckt eine Invasion Mondchamäleons. Eine Gattung wandlungsfähiger Außerirdischer, die -unbemerkt von den Astronauten- beim Mondgang im Jahr 1969 mitgebracht wurden. Die Mondchamäleons haben eine Nahrungsvorliebe: Menschen – in überdimensionalen Waffeleisen kross zubereitet.
Für die beiden Kinder Lise und Bulle und Doktor Proktor wird klar, dass sie intervenieren müssen, als sie erfahren, dass der norwegische König ins Exil gegangen ist. Der Moderator von Kon-Chor-renz ruft die „Vereinigten Staaten von Norwegen“ aus und möchte gegen Dänemark und den Rest der Welt in den Krieg ziehen. Bulle, Lise und Doktor Proktor folgen dem König und entwickeln einen Plan wie sie die Hypnose der Bevölkerung aufheben können: Der König muss zurückgeholt werden, um mit seiner Neujahrsansprache die Einwohner Nowegens aus ihrer Hypnose zu befreien! Allerdings geben die tückischen Mondchamäleons sich nicht ohne Kampf geschlagen.. Bei diesem Kampf sind vor allen Dingen Taktik, Heldenmut und Erfindungsreichtum von Bulle, Lise und Doktor Proktor gefragt.

 

Das Buch „Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht..“ kann wie alle Folgebände der Buchreihe dem Band 1 „Doktor Proktors Pupspulver“ nicht das Wasser reichen. Der erste Kinderroman Jo Nesbø’s aus dem Jahr 2007 ist einfach rund und in der Handlung gut nachvollziehbar und stimmig. Hingegen gelingt es Jo Nesbø im vorliegenden Buch leider nicht die Spannung aufrecht zu halten oder immer wieder aufzubauen. Dabei ist mir an einigen Stellen wirklich ein Schauer den Rücken runter gelaufen! Leider gibt es neben der Haupterzählung noch einige Seitenstränge, die mich abgelenkt und irritiert haben. Teilweise musste ich an einigen Stellen nochmal zurückblättern, um der Erzählung wirklich folgen zu können. Im Gegenteil zum ersten Band werden auch zahlreiche Personen eingeführt und der Leser in konstruiert wirkenden Dialogen auf ihre komischen Eigenarten und Eigenheiten hingewiesen. Die Komik des Buches erschien bemüht und angestrengt. Für treue Freunde von Lise, Bulle und Doktor Proktor bietet der Kinderroman trotzdem schöne, witzige und spannende Momente!
„Winter im Mumintal“ von Tove Jansson (1957)
Lesealter: 8-10 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2017, Arena Verlag, ISBN 978-3401602851
www.arena-verlag.de

Kurz nach Neujahr ist das Mumintal wie jedes Jahr von der Jahreszeit Winter eingenommen. Die Trolle der Muminfamilie machen ihren Winterschlaf; draußen im Tal regt sich nichts, denn wer nicht schläft, macht es sich in seinem Winterquartier gemütlich. Als ein Mondstrahl dem kleinen Mumintroll ins Gesicht scheint, wacht dieser auf. Ohne seine Familie macht er sich täglich auf, die faszinierende, aber auch beängstigende Winterwelt zu erkunden. Als sich das Gerücht rumspricht, dass es im Mumintal einen Keller mit jeder Menge eingemachter Marmelade gibt, macht sich eine Schar verfrorener Gäste auf den Weg und findet im Muminhaus Bewirtung und Unterschlupf. So lernt Mumin neue Bewohner des Tals kennen, die mit dieser Winterwelt auf ihre Weise umgehen und die nun miteinander zurechtkommen müssen.
Tove Jansson hatte seit 1945 erfolgreich 6 Kinderbücher über das Leben und die Abenteuer der Muminfamilie geschrieben, als sie 1957 „Winter im Mumintal“ veröffentlicht. Bei Interpretationen ihrer Werke werden autobiografische Komponenten und die historische Einordnung in der Kriegs- und Nachkriegszeit der Muminbücher hervorgehoben. Doch auch ohne dieses Hintergrundwissen wird dem Leser schnell deutlich, dass Jansson menschliche Archetypen beschreibt und miteinander agieren lässt. Dabei findet keine Wertung oder Einordnung statt. Das Leben und die Gefühle der Handelnden angesichts der Realität werden pur dargestellt. Da dies noch in poetischer Form geschieht, wirken viele Sätze ihrer Romane wie philosophische Lebensweisheiten.
Der Duden benennt zum Begriff „Poesie“ folgende Synonyme: Magie, magische Wirkung, poetische Stimmung, Verzauberung, Zauber (siehe www.duden.de/rechtschreibung/Poesie). Tove Janssons hatte die Gabe die Erzählungen mithilfe von Poesie zu verzaubern und ihnen eine besondere Tiefe zu geben. Auch die Bilder der Künstlerin geben diesen Blick auf eine Welt, die einem besonderen Zauber unterliegt wieder. So spielt im vorliegenden Roman „Winter im Mumintal“ gerade der magische Gegensatz von Licht und Dunkelheit in den Bildern eine Rolle. Aber auch die Figuren erhalten in ihrer grafischen Darstellung eine weitere charakterliche Schraffur.
Das Buch ist ein Winterbuch mit vielen kleinen Geschichten, die philosophisch, witzig, magisch-beängstigend und heimelig berührend sind.

 

„Nussknacker und Mausekönig“ von E.T.A. Hoffmann (1816)
Lesealter: ab 8 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2016, Knesebeck Verlag, ISBN978-3868739213
www.knesebeck-verlag.de
Die Kinder des Medizinalrats Stahlbaum Luise, Fritz und Marie warten am Heiligen Abend aufgeregt auf die Ankunft ihres Paten Droßelmeier. Dieser bereitet zu Weihnachten immer ein mechanisches Spielwerk für die Kinder vor. Dieses Jahr ist es „ein sehr herrliches Schloß mit vielen Spiegelfenstern und goldenen Türmen. Ein Glockenspiel lies sich hören, Fenster und Türen gingen auf, und man sah, wie sehr kleine, aber zierliche Herrn und Damen mit Federhüten und langen Schleppkleidern in den Sälen herumspazierten.“ (aus: E.T.A. Hoffmann: Nussknacker und Mausekönig, Dressler Verlag, Hamburg, 1993, S.14)
Besonders entzückt ist die siebenjährige Marie aber von einem Nussknacker, der etwas versteckt auf dem Gabentisch steht. Sie nimmt ihn unter ihren Schutz als ihr Bruder Fritz dem Holzmann nur die größten und härtesten Nüsse zu knacken gibt. Am Ende des Abends darf Marie in der Wohnstube beim Spielzeugschrank der Familie noch etwas spielen. Sie möchte sich gerade auf den Weg ins Schlafzimmer machen, da schnurrt die Wanduhr sonderbar und überall in der Stube beginnt ein Rascheln, Pfeifen und Trippeln tausender kleiner Füßchen. Immer mehr Mäuse stellen sich vor Marie in Reih und Glied auf und zu ihrem Entsetzen entsteigt dem Boden der Mäusekönig mit seinen sieben gekrönten Köpfen. Die Mäusearmee setzt sich in Gang – auf Marie zu. Da rufen die Spielzeuge aus dem Schrank zur Schlacht und der Nussknacker führt diese in den Kampf bis Marie ihren Schuh ins Kriegsgetümmel wirft. Marie fällt in den Schlaf und wird am nächsten Morgen in ihrem Bett wach. Sie hat sich an Scherben des Schrankes verletzt und muss nun an Wundfieber erkrankt das Bett hüten. Auch der Pate Drosselmeier erscheint an Mariechens Krankenbett und erzählt das Märchen von der harten Nuss, das den Ursprung der Fehde des Nussknackers mit dem Mausekönig erklärt. In den folgenden Raunächten steht Marie wieder ihrem Nussknacker bei und als dieser von Fritz Husaren einen Säbel erhält, kann er es mit dem Mäusekönig aufnehmen. Zum Schluss wird Marie an der Seite des Nussknackers Königin der funkelnden Weihnachtswälder und eines Marzipanschlosses und besucht das Puppenreich bis sie wieder genesen in ihrem Bett aufwacht.
Der Dichter Ernst Theodor Amadeus Hoffmann hat mit der romantischen Erzählung über den Nussknacker und Mausekönig 1816 einen Klassiker geschaffen, der heute noch in Literatur, Musik und Theater präsent ist. Auch in dieser Erzählung, die in den Rauhnächten spielt, spielen Träume, sprechende Tiere, eine magische Uhr und lebendiges Spielzeug eine große Rolle.
„Der Nussknacker“ von E.T.A. Hoffmann/ Lisbeth Zwerger (1816)
Lesealter: 4-6 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2016, Nord-Süd Verlag, ISBN978-3314103544
www.nord-sued.com
„Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen“ von Hans Christian Andersen/ Gerti Mauser-Lichtl (1845)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©1998, prima Bücher, ISBN 978-3215063152
Am Silvesterabend geht ein armes Mädchen durch die Straßen. Es trägt keine Schuhe und seine Füße sind vor Kälte blau und rot. Da es keine Schwefelhölzchen am Tag verkauft hat, traut es sich nicht aus Angst vor Schlägen nachhause. Es sucht vor Schnee und Kälte Schutz und  kauert sich in eine Nische zwischen zwei Häuser. Um die starren Finger zu wärmen, entzündet es ein Schwefelhölzchen. Da sieht es einen großen Messingofen, der seine Füße wärmt. Gleich zündet es ein nächstes Hölzchen an und jetzt sieht das hungrige Kind einen Tisch mit den feinsten Festtagsspeisen. Aber mit dem Erlöschen der Flamme ist auch das Essen weg. Beim Entzünden des nächsten Hölzchens sieht es einen herrlichen Weihnachtsbaum, dessen Kerzen zu Sternen am Himmel werden. Jetzt ist es wieder dunkel und kalt. Das Mädchen muss bei einer herabfallenden Sternschnuppe an seine Großmutter denken, die verstorben ist. Als das Mädchen noch ein Hölzchen entzündet, erscheint die Großmutter und lächelt ihr Enkelkind gütig an. Da entzündet das Mädchen auch die restlichen Hölzchen der Schachtel, um die Großmutter nicht zu verlieren. Die Großmutter kommt zum Kind und trägt es auf ihren Armen zu Gott.
Am Neujahrsmorgen finden Menschen das erfrorene Mädchen im Schnee und vermuten, dass es sich mit den wenigen Schwefelhölzchen wärmen wollte. Niemand ahnt, was das Mädchen Wundervolles gesehen hatte.
Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen ist ein unendlich trauriges Märchen, das mich als Mutter heute besonders berührt. Die Illustrationen von Gerti Mauser-Lichtl in der vorliegenden Bilderbuchausgabe finde ich sehr kindgerecht und nah an der eindrücklichen Erzählung. Hans Christian Andersen schrieb das Märchen im Jahr 1845. Für einen Märchenalmanach waren bereits Bilder entworfen und Andersen schrieb nun die passenden Zeilen, die trotz der kurzen Handlung, diese doch so einprägend und detailreich umschreiben. Man spürt die erdrückende Armut und Kälte des kleinen Kindes sprichwörtlich. Der Kontrast zu den heilen, frohen Silvesterfeiern in den Häusern und den Lichtbildern des kleinen Mädchens könnte nicht größer sein.

Ein tieftrauriges, beeindruckendes Kunstmärchen, das eine menschliche Botschaft hat: Bei allem Festtagstaumel die hilflosen Menschen vor der eigenen Haustür nicht zu vergessen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.