„Emilia und der Junge aus dem Meer“ von Annet Schaap

Unter dem Titel „Lampje“ (dt. Übersetzung: Lämpchen) erschien 2017 der Debüt-Kinderroman der niederländischen Kinderbuch-Illustratorin Annet Schaap. Mit Förderung der Niederländischen Stiftung für Literatur wurde das Buch von Eva Schweikart ins Deutsche übersetzt und im Februar 2019 unter dem Titel „Emilia und der Junge aus dem Meer“  vom Thienemann Verlag veröffentlicht.

Das Buch wurde 2017 und 2018 mit vier niederländischen Literaturpreisen wie beispielsweise dem Gouden Griffel ausgezeichnet und hat mich vom ersten Wort an gepackt und beeindruckt. Es ist für mich die Entdeckung im vergangenen Bücherjahr 2019!

 

„Emilia und der Junge aus dem Meer“  von Annet Schaap (2017)

Lesealter: ab 10 Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019, Thienemann-Esslinger Verlag, ISBN978-3522184922

www.thienemann.de

 

Davon handelt das Buch:

Das Buch erzählt die Geschichte der Leuchtturmwärtertochter Emilia, genannt  Lämpchen. Als Halbwaise mit einem invaliden, alkoholkranken Vater versucht sie das beste aus ihrem Leben zu machen und ihrem Vater in seiner Trauer eine Stütze zu sein. Doch an einem verhängnisvollen Tag schlägt das Schicksal erneut unbarmherzig zu: in einer schweren Sturmnacht fehlen die Streichhölzer, um die Leuchtturmlampe anzuzünden. Lämpchen macht sich auf den gefährlichen Weg in die Stadt, doch vergeblich! So bleibt der Leuchtturm in dieser Nacht dunkel und ein Schiff fährt gegen die Felsen. Das bleibt nicht ohne Konsequenzen: Lämpchen muss sich in die Dienste des Schwarzen Hauses begeben und ihr Vater wird im Leuchtturm eingeschlossen, um die nächsten 7 Jahre die anfallenden Schulden abzuarbeiten.

Während Lämpchen mit viel Mut, die Geheimnisse des Schwarzen Hauses ergründet, versinkt ihr Vater in Selbstmitleid. Schließlich lüftet Lämpchen das Geheimnis um den kleinen Meerjungen Edward, der von seinem Vater, dem Admiral, im Schwarzen Haus versteckt wird und möchte ihm helfen. Da Lämpchen mittlerweile auch die Zuneigung der anderen Bediensteten gewonnen hat, gelingt es ihm und Edward schlussendlich  mit vereinten Kräften dem boshaften Admiral und anderen böswilligen Häschern zu entfliehen und in ein neues Leben aufzubrechen.

Meine Meinung zum Text:

Schonunglos und klar stellt Annet Schaap die Gedanken des gutherzigen, einfachen Lämpchens und der anderen Protagonisten dar und lässt den Leser so einen Blick hinter die Fassade werfen. Manches Verhalten erklärt sich so und man rückt der Person spürbar näher. Annet Schaap zeichnet eine Welt mit bösen, aber auch gutherzigen Menschen. Auch, wenn es wie im wahren Leben für die Menschen nicht immer ein glückliches Ende gibt, so schaffen es viele mit Lämpchens Hilfe das Gute und Mutige in sich zu finden und zu neuen Ufern aufzubrechen (und das nicht nur im übertragenen Sinn). Unheilvolle Verbindungen müssen mutig gekappt werden, um die eigene Freiheit zu finden.

Das Buch begeistert mich in seiner ganzen schriftstellerischen Machart. Die Sprache ist ähnlich wie bei Roald Dahl anpackend, aber auch bildlich-poetisch. Das Buch ist sehr spannend aufgebaut und viele Erzählfäden werden überraschend zu einem tollen Ende verknüpft. Hier ein Ausschnitt der ersten Seite des Buches – unter www.thienemann.de gibt es einen größeren Blick ins Buch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019,Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap, Thienemann Verlag, Seite 8

Das Buch ist für mich ein Gesamtkunstwerk und kommt ganz natürlich und authentisch daher. Es bietet eine spannende, hochemotionale Geschichte. Mich erinnert das Buch weniger an die kleine Meerjungfrau, wie auf dem Buchrücken angepriesen, sondern eher an „Der geheime Garten“.

Meine Kritik an der deutschen Ausgabe:

Ich hätte mir bei der Titelauswahl für die deutsche Ausgabe mehr Mut (wie Lämpchen ihn hatte) gewünscht und hätte den Originaltitel „Lämpchen“ für die bessere Wahl gehalten. Die niederländische Einbandgestaltung aus der Feder der Autorin gefällt mir ausgesprochen gut:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2017, „Lampje“ von Annet Schaap, Querido Verlag

Auch die Taschenbuchfassung ist wunderschön, allerdings steht hier nicht Lämpchen im Blickpunkt, sondern der kleine Meerjunge Edward:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019, „Lampje“ von Annet Schaap, Querido Verlag

 

Auch in England war man diesbezüglich mutiger und blieb beim Originaltitel und nutzte die wunderschönen Covervorlagen von Schaap:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019,„Lampie and the children of the See“ von Annet Schaap, Pushkin Children’s Books

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2020,„Lampie:  A seaswept fairytale and adventure“ von Annet Schaap, PushkinPress

 

Auch das Lesealter wird hier ab 12 Jahren empfohlen. Dieser Empfehlung schließe ich mich an. Weswegen für die deutsche Ausgabe zur Einbandgestaltung Karin Lindermann hinzugezogen wurde, ist mir völlig unverständlich. Vor allen Dingen, da sie sich beim Motiv dicht an Schaap‘s Cover orientiert oder orientieren sollte. So geht das Buchcover  im glatt gezogenen Einheitsbrei der Kinderbucheinbände unter und verpasst die Chance mit seiner künstlerisch-bescheidenen Originalität heraus zu stechen.

Insgesamt betrachtet, kommt es so sogar zu einem Bruch im Werk, da die Innen liegenden Illustrationen stilistisch ganz anders wirken als der Einband vermuten ließe. Allerdings war ich von der Qualität der Zeichnungen Schaaps nun total überrascht. Ein versteckter Schatz!

Meine Meinung zur Illustration:

Immer zu Beginn eines von sechs Buchteilen findet sich ein doppelseitiges Schwarz-Weiß-Bild, das mit  Bleistift gezeichnet und dann mit Aquarellfarbe von Annet Schaap bearbeitet wurde. Es trägt die Überschrift des jeweiligen Buchteils. Mich erinnert die Darstellung der Personen stark an die Zeichnungen von Quentin Blake (Illustrator bei Roald Dahl), die ich aufgrund ihrer  Ausdruckskraft  bewundere.

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019,Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap, Thienemann Verlag, Seite 6f.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2019,Emilia und der Junge aus dem Meer von Annet Schaap, Thienemann Verlag, Seite 70f.

 

Dramaturgisch geben die Bilder immer bereits einen kleinen Ausblick auf die folgenden Geschehnisse. Gleichzeitig blättert man nach Beendigung des Buchteils zurück, um das Bild nochmals nach dem Gelesenen wirken zu lassen. Ich finde alle Zeichnungen tief bewegend und absolut kindgerecht. Ihre Emotionalität  ist beeindruckend und fördert die Empathie für die Protagonistin Lämpchen, die auf allen Zeichnungen zu finden ist. Allerdings hätte ich mir beim letzten Bild „Heldenholz“ auch eine andere Motivwahl vorstellen können.

Fazit:

Das Buch ist für mich die Entdeckung aus dem Jahr 2019 und ich freue mich bereits jetzt darauf, es in wenigen Monaten erneut zu lesen. Es gehört  nun zu meinem regelmäßigen Kanon!

Ein absolut lesenswertes, fantastisches Kinderbuch!

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