Mit der „Zugmaus“ durch Europa reisen

Mit seinem Kinderbuch „Die Zugmaus“ nimmt der deutsche Schriftsteller Uwe Timm seine Leser per Bahn mit in Europas Metropolen München, Basel und Paris. Viele verbinden mit Timm sein Erfolgsbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ aus dem Jahr 1989, für das er ein Jahr später den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Aber auch in der Erwachsenenliteratur hat sich Timm mit seinen Romanen international einen Namen gemacht.

1981 erschien der Kinderroman erstmalig im Diogenes Verlag. Für die Illustrationen gewann Timm Tatjana Hauptmann, die bereits seit 1978 Kinderbücher für den Schweizer Verlag illustrierte.

Hier die Ausgabe des Diogenes Verlags:

„Die Zugmaus“  von Uwe Timm/ Tatjana Hauptmann (1981)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©1981, diogenes Verlag, ISBN 9783257006193

www.diogenes.ch

 

Seit 2001 wird das Kinderbuch im dtv Verlag verlegt und ist mit Bildern von Axel Scheffler versehen:

„Die Zugmaus“ von Uwe Timm/Axel Scheffler (1981)

Lesealter: 7-11 Jahre

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

©2018, dtv Verlagsgesellschaft, ISBN 9783423762021

www.dtv.de

Und davon handelt das Buch:

Der kleine Mausejunge Stefan mit dem Spitznamen „Mausebiber“ lebt mit seiner Familie im Keller eines Wohnhauses in der Paradiesstraße in München. Und obwohl noch Kater Carlo und Pudel Isegrimm mit ihren Herrchen im Erd- und Dachgeschoss des Hauses wohnen, erlebt die Mäusefamilie frohe Tage. Der altersschwache Kater Carlo sitzt meist mit dem Mäusegroßvater in der Sonne und die beiden besprechen„wie es früher war“. Ein friedliches und paradiesisches Mäuseleben ist das! Auch der zahme Hund Isegrimm berichtet den neugierigen kleinen Mäusen von den Städten und Ländern, die er als Zirkushund bereist hat.

Eines Tages ziehen über der friedlichen Wohngemeinschaft in dem Haus in der Paradiesstraße dunkle Wolken auf: Das schöne alte Haus soll einem modernen Neubau weichen. Die Mitbewohner, der alte Herr Ehler und der Maler Herr Kringel, suchen sich gezwungenermaßen eine neue Bleibe und nehmen selbstverständlich Carlo und Isegrimm mit. Nur die Mäusefamilie möchte ihr Leben nicht so leicht aufgeben und zieht nach einem kurzen Zwischenaufenthalt im Bretterschuppen wieder in das Haus ein. Aber im frisch betonierten Neubau gibt keine Nischen, Ritzen und Verstecke mehr und so fristen sie ein entbehrungsreiches Leben im Lüftungsschacht des Hauses.

Notgedrungen machen sich die Mäusekinder in der näheren Umgebung auf Nahrungssuche und es verschlägt den Jungmäuserich Mausebiber oft zum nahe gelegenen Bahnhof. Nicht nur das umfangreiche Nahrungsangebot begeistert das Mäusejunge hier, sondern auch die riesigen Züge, die so weit entfernte Orte und Länder anfahren. Eines Tages wagt sich Mausebiber auf seiner Suche nach Lebensmittelresten neugierig in einen Waggon und legt sich im wohltemperierten Reiseabteil schlafen. Als der Mausejunge aufwacht, stellt er fest, dass der Zug losgefahren ist. Auch sein Plan am Abend nach München zurückzufahren, geht nicht auf und ohne es zu wissen, pendelt er im Zug fortan zwischen Hamburg und Köln. Mausebiber beginnt das Leben auf den Schienen zu genießen und wird eine richtige Zugmaus… Doch eines Tages schnappt er bei einer Unterhaltung in seinem Zugabteil auf, dass eine Dame nach Basel in die Schweiz reist und so schließt sich Mausebiber kurzentschlossen an und folgt der Frau in den nächsten Zug. Er hatte vom Pudel Isegrimm nämlich viel über die Schweiz und ihre sagenhaften Käsefabriken gehört. Umso enttäuschter ist er, als er in Basel die Feldmaus Wilhelm trifft und diese ihm sagt, dass alles nur ein Märchen ist. Aber der pfiffige Wilhelm hat einen Geheimtipp in petto und so setzen sich die beiden sogleich in den Transeuropaexpress von Basel nach Paris. Doch auch in der Hauptstadt Frankreichs finden die beiden Mäuse nicht ihr Glück und machen nach einigen Abenteuern auf den Weg zum Gare de l’Est, um wieder nach München zurückzukehren. Doch wieder hat das Schicksal mit der kleinen Zugmaus anderes vor: Mausebiber klettert mit Wilhelm in einen Zirkuswaggon und bereits kurz danach sind die beiden Mitglieder des Zirkusensemble Salambo. Der Zirkus tourt durch England und Mausebiber wird zur Attraktion. Als er allerdings erfährt, dass der Zirkus nach Island weiterziehen möchte, packt ihn das Heimweh nach seiner Familie. Mausebiber nimmt gemeinsam mit Wilhelm Reißaus und flüchtet an einen Hafen. Dort besteigen sie ein Schiff Richtung Hamburg. Und nach einer kurzen Zugfahrt ist die Zugmaus nach langer Zeit wieder zurück in München. Sofort sucht Mausebiber zusammen mit Wilhelm seine Elternhaus auf, aber seine Familie hat es bereits lange verlassen. Fremde Mäuse, die mittlerweile in dem kalten Luftschacht hausen, geben den beiden Freunden einen Tipp und so reisen die beiden am kommenden Freitag mit einem Kartoffelbauern per Traktoranhänger aufs Land. Dort finden sie tatsächlich Mausebiber’s Familie, die erneut beim Maler Kringel und seinem Pudel Isegrimm Obdach gefunden haben. Freudig und neugierig werden die beiden Weltenbummler von Mausebibers ganzer Familie in Empfang genommen.

Meine Meinung:

Das Buch Zugmaus bietet eine unterhaltsame Geschichte aus der Perspektive der kleinen Maus Stefan, die Kindern ein hohes Identifikationspotenzial bietet. Durch die Betrachtung der Welt aus Mäuseperspektive wird die kindliche Fantasie angeregt und die Welt der Bahnhöfe und Züge ermöglicht den Blick auf ganz andere Details. Auch baut sich eine Grundspannung auf, denn die Mäuse schweben immer in der Gefahr entdeckt zu werden. Zum Glück gibt es aber auch einige wenige Katzen und Menschen, die den kleinen Tieren wohlgesonnen sind!

Im Vergleich haben die Ausgaben des diogenes- und des dtv-Verlags jeweils ihre Vorzüge:

Die Illustrationen von Axel Scheffler führen den Betrachter mit kleinen comicartigen Szenen und Personendarstellungen kontinuierlich durch das Buch. Es rät sich (besonders zum Vorlesen und Anschauen) der Kauf der etwas größeren Hardcover-Ausgabe an, denn hier sind alle Zeichnungen coloriert und wirken noch besser. In der günstigeren Taschenbuch-Ausgabe, die sich auch als Lektüreausgabe für die Schule anbietet, sind schwarz-weiße Zeichnungen vorhanden.

Axel Scheffler spiegelt mit seinen Bildern gut den Humor des Buches und demonstriert zudem sympathisch, dass ein kleines, struppiges Tierchen wie der Mausebiber durchaus große Abenteuer erleben kann.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(U. Timm: Die Zugmaus, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2003, S.40)

Dabei setzt Axel Scheffler eher seinen Schwerpunkt auf die Darstellung der Emotionen und stellt die Kindlichkeit des Mäusejungen Stefan heraus.

Die Bilder von Tatjana Hauptmann der Diogenes-Ausgaben aus den 1980er und 1990er Jahren bauen durch die Darstellung einer übergroßen Welt Spannung auf. So gefällt mir diesbezüglich besonders das Bild des rotgesichtigen Schaffners, der Wilhelm und Stefan unter den Abteilsitzen entdeckt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(U. Timm: Die Zugmaus, Diogenes Verlag, 1981, S.41)

Kleine Szenen der Geschichte werden von Hauptmann in prägnanten Bildern und Zeichnungen dargestellt, die mich allerdings nicht alle überzeugen können, da sie in verschiedenen Größen und in nicht immer einheitlichem Stil dem Auge keine Kontinuität bieten. Die meisten Bilder sind kleine halbseitige schwarz-weiße Zeichnungen, in denen Stefan oft nicht zu entdecken ist. Es finden sich allerdings auch 6 colorierte Bildseiten im Buch, die mir gut gefallen. Besonders gelungen finde ich das erste Bild der Diogenes-Ausgabe:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(U. Timm: Die Zugmaus, Diogenes Verlag, 1981, S.7)

Hier bietet Hauptmann einen Blick auf das unscheinbare, alte Haus in der Münchner Paradiesstraße und lädt den fantasievollen Leser somit direkt in die Mäusewelt ein.

Das Buch ist insgesamt betrachtet, aufgrund seiner Rahmenhandlung, Rückblenden und zahlreichen Dialoge (teilweise mit landestypischem Dialekt) meiner Meinung nach nicht für Erstleser zu empfehlen. Auf dem Buchcover der Ausgabe des Deutschen Taschenbuchverlags steht daher „Zum Vorlesen besonders geeignet“. Dieser Empfehlung schließe ich mich an, da so der Humor und die Spannung der Erzählung richtig wahrgenommen werden können. Für geübte Leser ab der 3. Klasse ist es allerdings ein mitreißendes, spannendes und den Horizont erweiterndes Kinderbuch!

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